St. Georg Dessau


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Monatsgedanken

Allgemeines

Januar 2026

Mehr als 100 Prozent


Es muss ja sein! So denke ich manchmal, wenn ich lustlos meine Sporttasche packe. Das ist meist einer dieser Tage, an denen ich lieber ein gutes Buch lesen wuerde, als mich im Fitnessstudio zu quaelen. Aber es muss ja sein! An solchen Tagen bin ich mir selbst gegenueber genuegsam, statt 100 Prozent Leistung gebe ich mich mit weniger zufrieden.

Manchmal frage ich mich, ob meine Halbherzigkeit nicht schon fast Selbstbetrug ist. Halbherzig ist eine schoene Beschreibung, wenn man nicht ganz bei der Sache ist oder diese nicht ganz ernst nimmt. Auch Mose hatte allen Grund, sein Volk als halbherzig zu bezeichnen. Zu Beginn ihrer 40-jaehrigen Reise durch die Wueste, brannten die Herzen der Menschen fuer Gott, doch im Laufe der entbehrungsreichen Jahre wurden sie immer mueder. Sie verloren die Lust an ihrer Freiheit und ihre Hoffnung fuer die Zukunft. An manchen Tagen behaupteten sie sogar, ihr altes Leben in der Gefangenschaft war ertraeglicher als das jetzige, wo sie jeden Tag vor neuen Herausforderungen standen. Das gelobte Land, das Gott ihnen versprochen hatte, war fuer die Menschen in weite Ferne gerueckt.

Mose bekam jeden Tag den Unmut der Menschen zu spueren. Ihm war laengst bewusst, dass sie seinen Weisungen nur noch halbherzig folgten, noch groessere Sorge machte es ihm, dass die Menschen Gott aus dem Blick verloren. Es war nicht so, dass sie Gott vergessen hatten, aber ihre Beziehung zu ihm war nur noch halbherzig. Vielleicht dachte sogar manch einer: Es muss ja sein!

Mitten in der Wueste, auf halben Weg zwischen dem alten Leben in der Sklaverei und dem neuen Leben im gelobten Land, musste Mose sein Volk daran erinnern, dass eine halbherzige Beziehung zu Gott nicht ins Leben, sondern ins Abseits fuehrt. Bei Gott gibt es nichts Halbherziges! Wenn er sich der Menschen annimmt, dann aus ganzem Herzen. Gott ist sich selbst gegenueber nicht genuegsam, am Ende gibt Gott mehr als 100 Prozent, er gibt die ganze goettliche Fuelle! Gott hat keine Erwartungen an die Menschen, weder an das Volk in der Wueste noch an uns. Er stellt fuer seine Liebe keine Bedingungen. Er moechte nur, dass wir Menschen die Beziehung zu ihm ernst nehmen. Eben aus ganzem Herzen und kein: Es muss ja sein! Das ist manchmal genauso schwierig wie sich zum notwendigen Sport aufzuraffen. Aber am Ende duerfen wir feststellen, es lohnt sich!

Ihre Pfarrer Andreas Janssen


Februar 2026

Freude kann man lernen


Liebe Schwestern und Brueder,

die oekumenische Kommission zur Auswahl der Monatssprueche konzentriert unseren Blick gleich zu Beginn des neuen Jahres auf Wesentliches. Sie tut gut daran.

Die zweite der vier Abschiedsreden des Mose ist die laengste und wohl die wichtigste: sie enthaelt das Zehnwort (besser bekannt als die 10 Gebote) und das Fuenfwort (Dtn 5, 6-21, leider ziemlich unbekannt), sowie das Hauptgebot in Dtn. 6-10. Unverzichtbare, verdeutlichende Texte mit der Autoritaet der letzten Worte eines Sterbenden. Was ist als Summe des Lebens wichtig, damit das Leben gelingt? So sind Worte entstanden, die allergroesste Beachtung verdienen, damals wie heute. Und in Zukunft! Denn das Hauptanliegen des Buches ist der Aufbau einer gerechten Gesellschaft.

Fuer manche etwas sauertoepfisch: Du sollst. Schon wieder mal soll ich was. Und dann auch noch: froehlich sein. Als ob sich das befehlen liesse. Freude, die hat man oder nicht. Zum Glueck hilft hier die Juristerei, wer haette das gedacht. Denn: "sollen ist muessen, wenn man kann". Du sollst, diese kleine Bemerkung ueber die Differenz dessen, was ist, und dessen, was wuenschenswert erscheint, ist kein Gluecksfall. Freude ist ein dem Menschen gegebenes Gefuehl, es ist ein zutiefst menschliches Gefuehl. Menschen koennen sich freuen. Dass sie es oft nicht tun, ist eine ganz andere Angelegenheit. Oder dass die Freude gelegentlich nicht gelingen will, weil die Erfahrung von Leid und Schmerz zu maechtig ist. Du, Mensch, kannst dich freuen! Freust du dich?

Damit das Freuen und Froehlichsein stetig gelingt, ist langsame Herzensbildung erforderlich. Das Freuen ueber schon laengst Selbstverstaendliches. Jeden Tag eine kleine Freude einueben, dann zwei. Das hat ja zuletzt die Corona-Pandemie eindruecklich gezeigt: Freuen hilft. Die Wunden dieser Zeit der Entbehrung sind laengst nicht geheilt. Aber Freude ueber ausreichend Klopapier - wer haette das mal gedacht!

Liebe Gemeinde, der Buchmarkt fuer Achtsamkeit ist ein Milliardenmarkt. Wie gut, dass das Konzept der Achtsamkeit und sinnerfuellter Freude vom dem erfunden wurde, der auch dich und mich erfunden und gefunden hat.

Ihr Karsten Georg Wolkenhauer


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